· , ,

Der Strandkorb der Macht

Politik findet am Ende eben nicht im Strandkorb statt. Sondern bei den Menschen.

Manchmal reicht ein einziges Bild, und eine politische Geschichte verselbstständigt sich.

Philipp Amthor hat das in den vergangenen Tagen erlebt. In der ZDF-Dokumentation „Inside CDU“ lässt er einen Strandkorb auf den Balkon seines neuen Büros im Kanzleramt bringen. Er spricht über seinen „Karrieresprung“ und darüber, nun in der „ersten Reihe“ der Politik angekommen zu sein. Seitdem hat der Strandkorb eine beachtliche Karriere gemacht. In den sozialen Medien sowieso, inzwischen aber auch weit darüber hinaus.

Man kann darüber lachen. Man kann die Aufregung auch für überzogen halten. Mich interessiert an der Geschichte etwas anderes.

Mich interessiert das Bild von Politik, das dabei entstanden ist.

Denn natürlich ist dieser Strandkorb nur ein Möbelstück. Aber Bilder entwickeln manchmal eine Wirkung, die weit über das hinausgeht, was derjenige beabsichtigt hat, der sie produziert. Plötzlich sieht man nicht mehr Philipp Amthor und einen Strandkorb. Man sieht Kanzleramt, Balkon, erste Reihe, Karrieresprung – und eben den Strandkorb der Macht.

Dabei sieht der Alltag der allermeisten Politiker, die ich kenne und erlebe, völlig anders aus:

Da sitzt man abends im Feuerwehrhaus und hört sich an, warum die Beschaffung eines neuen Fahrzeugs seit Monaten nicht vorankommt. Man steht morgens in einer Werkhalle und bekommt erklärt, was eine neue Vorschrift für einen mittelständischen Betrieb ganz praktisch bedeutet. Man spricht mit Bürgermeistern, Vereinsvorsitzenden, Unternehmern, Eltern oder Menschen, die mit einem sehr persönlichen Problem in die Sprechstunde kommen.

Und manchmal sitzt man zwei Stunden zusammen und kann am Ende noch nicht einmal versprechen, dass das Problem gelöst werden kann.

Das ist nicht sonderlich spektakulär. Es gibt dafür selten großen Applaus. Und manches davon taugt auch nicht für ein besonders aufregendes Instagram-Reel. Aber genau dort findet Politik statt.

Wir haben für W2 irgendwann drei Worte gefunden, die ziemlich gut beschreiben, wie wir politische Arbeit verstehen: hören – verstehen – handeln. Das klingt zunächst sehr einfach. In der Praxis ist es das nicht.

Zuhören bedeutet nämlich mehr, als auf den Moment zu warten, in dem man selbst wieder sprechen kann. Verstehen heißt auch, sich mit einem Problem zu beschäftigen, das vielleicht nicht in das eigene politische Raster passt. Und handeln kann manchmal bedeuten, jemandem sagen zu müssen, dass sich sein Wunsch nicht erfüllen lässt – und ihm trotzdem zu erklären, warum.

Das ist politische Kärrnerarbeit. Und ich glaube, dass wir ihren Wert in einer Zeit, in der politische Kommunikation immer stärker über Bilder und kurze Videos funktioniert, gelegentlich unterschätzen.

Denn natürlich brauchen Politiker heute Bilder. Wer politische Arbeit sichtbar machen will, kommt an Instagram, Facebook oder LinkedIn nicht vorbei. Die entscheidende Frage ist nur, was diese Bilder zeigen sollen.

Ich sehe immer wieder Fotos, bei denen man schon auf den ersten Blick erkennt, dass hier Bürgernähe hergestellt werden sollte. Ein Politiker in der Mitte, Menschen rechts und links daneben, alle schauen in die Kamera. Termin erledigt, Foto gemacht, nächster Termin. Ein solches Bild erzählt wenig darüber, was dort tatsächlich passiert ist.

Vielleicht sollten wir deshalb häufiger die anderen Bilder zeigen. Den Politiker, der zuhört. Die Abgeordnete, die sich in einer Werkhalle etwas erklären lässt. Die Diskussion am Tisch, bei der gerade niemand in die Kamera schaut. Den Moment nach einer Veranstaltung, wenn noch drei Menschen stehen geblieben sind, weil sie etwas loswerden wollen.

Solche Bilder sind nicht immer perfekt. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb glaubwürdiger.

Nähe muss nicht für die Kamera hergestellt werden. Die Kamera sollte Nähe sichtbar machen, die ohnehin da ist.

Das gilt übrigens nicht nur für Bilder.

Ein Abgeordneter kann mit einem einzigen Post Zehntausende Menschen erreichen. Ein Gespräch mit einem Vereinsvorsitzenden erreicht vielleicht zunächst genau einen. Trotzdem kann dieses Gespräch politisch sehr viel relevanter sein.

Deshalb sprechen wir bei W2 so häufig von Relevanz vor Reichweite.

Reichweite lässt sich messen. Likes, Klicks, Aufrufe, Follower – alles sauber in Zahlen darstellbar. Ob jemand nach einem Gespräch das Gefühl hatte, ernst genommen worden zu sein, taucht in keiner dieser Statistiken auf.

Politisch kann es trotzdem sehr viel wichtiger sein.

Die Geschichte vom Strandkorb im Kanzleramt wird irgendwann wieder verschwinden. Die nächste Aufregung kommt bestimmt. Das gehört inzwischen zum politischen und medialen Betrieb.

Was bleibt, ist eine ziemlich alte Erkenntnis: Vertrauen entsteht nicht durch einen einzelnen Post und auch nicht durch die perfekte Inszenierung. Es wächst über viele Begegnungen. Manchmal über Jahre. Und es wächst vor allem dann, wenn Menschen erleben, dass jemand nicht nur kommt, wenn eine Kamera dabei ist.

Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte hinter dem Strandkorb der Macht.

Der Strandkorb bekommt die Klicks. Die Kärrnerarbeit schafft die Beziehung.

Und Politik findet am Ende eben nicht im Strandkorb statt. Sondern bei den Menschen.

Heinrich Wullhorst
Senior Advisor

More from the blog

Entdecke mehr von W2Politikberatung

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen