Bei Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte passt es allerdings. Wer ihn ein bisschen kennt, weiß, dass Musik für ihn nicht erst entdeckt wurde, als jemand über einen neuen Social-Media-Auftritt nachgedacht hat.
Und genau deshalb bin ich an der Meldung hängen geblieben.
Denn wir reden in der politischen Kommunikation inzwischen sehr viel über Authentizität. Politiker sollen persönlicher werden, nahbarer sein, etwas von sich zeigen. Das ist grundsätzlich richtig. Menschen interessieren sich schließlich nicht nur für Programme und Positionen. Sie wollen auch wissen, wer der Mensch ist, dem sie ihre Stimme geben sollen. Wie jemand mit anderen umgeht, was ihn antreibt, worüber er lachen kann, was ihn ärgert und manchmal eben auch, was er außerhalb der Politik gerne macht.
Schwierig wird es für mich immer dann, wenn aus dieser richtigen Erkenntnis ein Rezept wird.
Dann soll plötzlich gekocht oder gegrillt werden. Man besucht gemeinsam ein Fußballspiel, nimmt den Hund mit ins Bild oder lässt die Kamera beim vermeintlich ganz privaten Blick hinter die Kulissen mitlaufen. Nicht unbedingt, weil das etwas über den Menschen erzählt, sondern weil irgendwo im Kommunikationsplan steht, dass jetzt „mehr Persönlichkeit“ gezeigt werden soll.
Manchmal funktioniert das. Manchmal merkt man aber schon beim Anschauen, dass hier jemand gerade versucht, authentisch zu wirken.
Und spätestens dann wird es schwierig.
Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit politischer Kommunikation und mindestens genauso lange mit Fotografie. Dabei habe ich eine Erfahrung immer wieder gemacht: Menschen haben ein erstaunlich gutes Gespür dafür, ob etwas zu jemandem passt.
Das merkt man übrigens besonders vor der Kamera. Einer der zuverlässigsten Wege zu einem verkrampften Foto ist die Aufforderung: „Jetzt bitte einmal ganz natürlich.“
Die besseren Bilder entstehen meistens vorher oder nachher. Im Gespräch, beim Zuhören, in einer Bewegung oder in dem kurzen Moment, in dem jemand vergessen hat, dass eine Kamera auf ihn gerichtet ist. Dann sieht man plötzlich etwas von der Person und nicht nur die Rolle, die sie gerade darstellen möchte.
Warum sollte das bei politischer Kommunikation anders sein?
Für mich beginnt die Arbeit an einer persönlichen Positionierung deshalb auch nicht mit der Frage, wie wir einen Menschen interessanter machen können. Die spannendere Frage lautet: Was ist an diesem Menschen interessant?
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit. Erfahrungen, Überzeugungen, Interessen, Stärken und natürlich auch Eigenheiten. Ein Bürgermeister, eine Abgeordnete oder ein Minister muss deshalb nicht erst eine Persönlichkeit für Social Media entwickeln. Sie ist längst vorhanden.
Die eigentliche Arbeit besteht darin herauszufinden, was davon zur Aufgabe passt und was sichtbar werden sollte.
Und dabei muss keineswegs alles öffentlich werden. Auch das wird in der Diskussion über Authentizität manchmal vergessen. Persönlich zu sein bedeutet nicht, privat sein zu müssen.
Niemand muss sein Wohnzimmer zeigen, seine Familie in die politische Kommunikation einbeziehen oder jedes Hobby öffentlich machen. Persönlichkeit kann sich genauso darin zeigen, wie jemand über ein Thema spricht. Warum ihm gerade diese eine Frage wichtig ist. Wie er mit Menschen umgeht, die anderer Meinung sind. Ob er zuhört. Ob er einen Fehler eingestehen kann. Und ob das, was er heute sagt, noch zu dem passt, was man gestern von ihm erlebt hat.
Vielleicht entsteht Authentizität genau dort: in der Übereinstimmung.
Das öffentliche Bild eines Menschen sollte zu dem Menschen passen, dem ich begegne, wenn die Kamera ausgeschaltet ist.
Damit bin ich wieder bei Andreas Bovenschulte und seiner Gitarre.
Ich weiß nicht, ob ein singender Bürgermeister mehr Stimmen gewinnt. Und ich würde ganz sicher keinem Politiker empfehlen, sich für den nächsten Wahlkampf vorsorglich eine Gitarre zu kaufen.
Aber wenn jemand ohnehin Musik macht, wenn sie zu ihm gehört und wenn er Freude daran hat, dann darf das auch sichtbar werden. Gerade weil es dann kein Format ist.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber nachdenken, wie Politiker authentischer wirken können.
Und uns stattdessen mehr Zeit dafür nehmen herauszufinden, wer der Mensch eigentlich ist, den wir kommunikativ begleiten.
Denn gute Kommunikation muss keine Persönlichkeit erfinden.
Sie muss sie zunächst einmal verstehen.
Heinrich Wullhorst
Senior Advisor







