·

Vertrauen kann man keinem Amt verordnen

Brauchen wir den Bundespräsidenten noch? Diese Frage wird gerade wieder diskutiert. Man kann über die Ausgestaltung des Amtes, seine Kosten oder einzelne Amtsinhaber streiten. Als Jurist halte ich die grundsätzliche Frage allerdings für falsch gestellt.

Der Bundespräsident hat in unserer Verfassungsordnung eine wichtige Funktion. Das Grundgesetz weist ihm bewusst eine andere Rolle zu als der Bundesregierung oder dem Parlament. Er steht nicht im politischen Tagesgeschäft. Gerade diese Distanz ermöglicht es ihm, Orientierung zu geben, Debatten anzustoßen und in besonderen Situationen für den Staat als Ganzes zu sprechen.

Das eigentliche Problem liegt deshalb für mich an einer anderen Stelle.

Wir erleben seit Jahren, dass das Vertrauen vieler Menschen in den Staat und seine Institutionen schwindet. Davon bleibt auch das höchste Staatsamt nicht unberührt.

Aber Vertrauen entsteht niemals allein durch ein Amt.

Eine Verfassung kann Zuständigkeiten festlegen. Sie kann Rechte und Pflichten definieren. Sie kann einem Amt eine besondere Stellung im Staatsgefüge geben. Was sie nicht kann: dafür sorgen, dass die Menschen demjenigen zuhören, der dieses Amt gerade ausübt.

Dieses Vertrauen müssen Menschen gewinnen.

Unsere Geschichte liefert dafür eindrucksvolle Beispiele.

Als Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 über das Ende des Zweiten Weltkriegs sprach und diesen Tag als „Tag der Befreiung“ bezeichnete, wirkte diese Rede weit über den Augenblick hinaus. Sie wurde zu einem wichtigen Bezugspunkt dafür, wie Deutschland auf seine eigene Geschichte blickt.

Und als Roman Herzog 1997 in seiner Berliner Rede davon sprach, dass durch Deutschland ein „Ruck“ gehen müsse, löste auch er eine gesellschaftliche Debatte aus, die weit über seine Amtszeit hinaus in Erinnerung geblieben ist.

Warum?

Nicht allein deshalb, weil dort der Bundespräsident gesprochen hatte.

Sondern weil Menschen zuhörten.

Sie hörten Persönlichkeiten zu, denen sie zutrauten, etwas Grundsätzliches über den Zustand des Landes zu sagen. Das Amt verschaffte ihnen die Bühne. Gewicht bekam das Gesagte aber durch die Persönlichkeit, die Haltung und die Glaubwürdigkeit desjenigen, der auf dieser Bühne stand.

Genau darin liegt eine wichtige Erkenntnis für unsere heutige Diskussion.

Wenn das Vertrauen in Institutionen schwindet, sollten wir nicht vorschnell die Institutionen infrage stellen. Wir sollten vielmehr darüber sprechen, wie diejenigen, die diese Institutionen repräsentieren, Vertrauen gewinnen können.

Das gilt nicht nur für den Bundespräsidenten.

Es gilt für Ministerpräsidenten und Minister, für Abgeordnete und Bürgermeister. Es gilt ebenso für Führungskräfte in Unternehmen, Verbänden und gesellschaftlichen Organisationen.

Ein Amt verleiht Verantwortung. Vertrauen verleiht Autorität.

Und Vertrauen entsteht über Zeit.

Das Bild, das wir von einem Menschen haben, verändert sich, wenn wir über einen längeren Zeitraum erleben, wofür jemand steht, welche Themen ihn bewegen und wie glaubwürdig er diese vertritt.

Deshalb ist strategische Kommunikation für mich weit mehr als die Frage nach Reichweite, Social Media oder dem nächsten gelungenen Auftritt.

Es geht darum, Haltung erkennbar zu machen.

Menschen, denen wir vertrauen, hören wir zu. Menschen, denen wir zuhören, können Orientierung geben. Und Menschen, die in einem öffentlichen Amt Orientierung geben, stärken damit letztlich auch die Institution, die sie repräsentieren.

Vielleicht sollten wir deshalb die aktuelle Diskussion um den Bundespräsidenten anders führen.

Nicht: Brauchen wir dieses Amt noch?

Sondern: Was müssen diejenigen, die unsere Institutionen repräsentieren, tun, damit Menschen ihnen wieder zuhören und vertrauen?

Denn starke Institutionen brauchen mehr als eine starke Verfassung.

Sie brauchen Menschen, die ihnen Glaubwürdigkeit verleihen.

Heinrich Wullhorsrt
Senior Advisor

Illustration erstellt mit KI.

More from the blog

Entdecke mehr von W2Politikberatung

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen