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Manchmal liegt die beste Geschichte direkt vor der Haustür

Manchmal sind es die kleinen Geschichten, die mich nachdenklich machen, weil sie zeigen, wie einfach öffentliche Kommunikation sein kann.

Jens Korn, Bürgermeister im oberfränkischen Wallenfels, hatte nach dem Saisonauftakt der dortigen Flößer ein gerade einmal 18 Sekunden langes Video auf seinem Handy. Abends saß er auf der Couch und stellte es bei Instagram ein. „In Gott’s Noma“ schrieb er dazu, so wie es bei den Flößern seit jeher heißt, bevor es auf der Wilden Rodach losgeht. Keine Hashtags, keine ausgeklügelte Social-Media-Strategie und wohl auch keine große Erwartung an das, was anschließend passieren würde.

Am nächsten Morgen hatte das Video Millionen Menschen erreicht. Inzwischen wurde es mehr als 400 Millionen Mal aufgerufen. Menschen aus Indien, den USA und vielen anderen Teilen der Welt verfolgen plötzlich, wie in einem kleinen Ort im Frankenwald ein Mann auf einem Floß durch das Wehr der Rodach fährt. Man kann jetzt lange darüber nachdenken, was der Instagram-Algorithmus daran so faszinierend gefunden hat. Mich interessiert an der Geschichte etwas anderes.

Wir suchen in der Kommunikation häufig ziemlich angestrengt nach neuen Geschichten und übersehen dabei, was längst da ist.

Für die Menschen in Wallenfels ist die Flößerei zunächst einmal nichts, was man eigens für Instagram erfinden müsste. Sie gehört seit Jahrhunderten zum Ort. Früher wurde Holz über Rodach, Main und Rhein transportiert, heute wird diese Tradition mit den Floßfahrten lebendig gehalten. Jens Korn hat es in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sehr treffend beschrieben: Die Flößerei mache einen großen Teil der Identität von Wallenfels aus.

Die Identität von Wallenfels

Genau an diesem Satz bin ich hängen geblieben. Denn für mich beschreibt er ziemlich gut, wo Kommunikation eigentlich anfangen sollte: bei der eigenen Identität.

In der politischen Kommunikation gehen wir häufig andersherum vor. Da wird überlegt, welches Format gerade funktioniert, ob der Bürgermeister mehr Videos machen müsste, welche Themen sich für Instagram eignen und was man eigentlich noch alles posten könnte. Das sind keine falschen Fragen. Ich würde sie nur später stellen. Vorher würde ich mich erst einmal umschauen: Was macht diesen Ort aus? Welche Menschen leben dort? Was beschäftigt sie? Worauf sind sie stolz? Was hat sich über Generationen entwickelt? Und was erscheint den Menschen vor Ort vielleicht so selbstverständlich, dass niemand mehr auf die Idee kommt, darin eine Geschichte zu sehen?

Das gilt übrigens nicht nur für Städte und Gemeinden. Wenn wir Menschen kommunikativ begleiten, begegnet uns dasselbe Phänomen. Sehr schnell wird darüber gesprochen, wie jemand sichtbarer werden kann. Dabei wäre es manchmal hilfreicher, zunächst genauer hinzuschauen: Welche Erfahrungen bringt dieser Mensch mit? Was kann er besonders gut? Wofür interessiert er sich wirklich? Wo engagiert er sich? Bei welchen Themen hat er tatsächlich etwas beizutragen?

Erst danach stellt sich für mich die Frage, was davon sichtbar werden sollte und wie wir darüber erzählen.

Es kommt nicht auf die Klicks an

Natürlich taugt die Geschichte aus Wallenfels nicht als Gebrauchsanweisung für den nächsten Bürgermeister, der gerne 400 Millionen Aufrufe hätte. So funktioniert Kommunikation nicht, und so funktioniert vermutlich auch Instagram nicht. Jens Korn selbst sieht das mit einer wohltuenden Portion fränkischer Nüchternheit. 80.000 Follower aus dem Frankenwald, sagte er sinngemäß, wären ihm für seine Arbeit als Bürgermeister wahrscheinlich lieber als eine riesige Anhängerschaft in Indien oder Amerika.

Damit hat er einen weiteren Punkt getroffen. Reichweite und Relevanz sind eben nicht dasselbe.

Trotzdem hat dieses kleine Video etwas bewirkt. Millionen Menschen wissen plötzlich, dass es Wallenfels gibt. Sie haben etwas von einer Tradition gesehen, die diesen Ort seit Jahrhunderten prägt. Die Floßfahrten waren schnell ausgebucht, und vermutlich schaut man auch in Wallenfels selbst inzwischen mit etwas anderen Augen auf das, was dort seit Generationen selbstverständlich dazugehört.

Vielleicht gefällt mir die Geschichte gerade deshalb so gut. Sie zeigt, dass Kommunikation nicht immer damit anfangen muss, etwas Neues zu produzieren. Es lohnt sich manchmal, erst einmal genauer hinzuschauen und zuzuhören. Auf einen Ort, auf seine Menschen und auf das, was sie ausmacht.

Denn viele gute Geschichten müssen wir gar nicht erfinden. Wir müssen sie entdecken.

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