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Audi und Trump: Haben die eigentlich keinen Aufsichtsrat?

Ein W2-Kommentar über unternehmerische Verantwortung, politische Anbiederung und die Macht der Kunden.

Manchmal kann man sich über Entscheidungen großer Unternehmen nur wundern. Da reist der Vorstandsvorsitzende von Audi in die USA, stellt sich gemeinsam mit Donald Trump auf eine Bühne und lässt sich für die Ankündigung einer Milliardeninvestition feiern. Ausgerechnet wenige Tage vor den amerikanischen Zwischenwahlen. Während Trump den Amerikanern erzählt, dass seine Zollpolitik ausländische Unternehmen dazu zwingt, Arbeitsplätze in den USA zu schaffen, liefert ihm der Chef eines deutschen Automobilherstellers die passende Bestätigung.

Da frage ich mich schon: Haben die bei Audi eigentlich keinen Aufsichtsrat?

Besonders bemerkenswert finde ich, dass die endgültige Entscheidung über das neue Werk offenbar noch gar nicht gefallen ist. Der Volkswagen-Aufsichtsrat muss der Investition erst noch zustimmen. Trotzdem steht der Audi-Chef bereits neben Trump und verkündet öffentlich, dass man rund vier Milliarden Dollar investieren und Tausende Arbeitsplätze in Georgia schaffen will. Was soll ein Aufsichtsrat unter solchen Umständen eigentlich noch entscheiden? Und wie frei ist ein Gremium in seiner Entscheidung, wenn der Vorstandsvorsitzende das Vorhaben bereits vor laufenden Kameras gemeinsam mit dem amerikanischen Präsidenten gefeiert hat?

Natürlich kann man jetzt erklären, dass die USA ein wichtiger Markt für Audi sind und dass die amerikanische Zollpolitik eine Produktion vor Ort wirtschaftlich attraktiver macht. Das ist alles richtig. Nur beantwortet es nicht die Frage, ob man sich deshalb auch noch für eine Wahlkampfveranstaltung einspannen lassen muss.

Am 3. November wählen die Amerikaner einen neuen Kongress. Trump braucht Erfolge, die er seinen Anhängern präsentieren kann. Seine Zölle verkauft er seit Langem als Mittel, um ausländische Unternehmen zur Produktion in den Vereinigten Staaten zu bewegen. Und nun steht wenige Tage vor der Wahl der Chef eines deutschen Automobilherstellers neben ihm und bestätigt mit seiner Investitionsankündigung genau diese Erzählung. Man muss kein erfahrener Politikberater sein, um zu erkennen, welche Bilder dabei entstehen und wofür sie verwendet werden.

Ich halte das für eine bemerkenswerte politische Naivität. Oder war es gar keine Naivität? Dann wäre die Sache allerdings noch ärgerlicher. Denn selbstverständlich wusste man bei Audi, wann die amerikanischen Zwischenwahlen stattfinden. Und man wird auch gewusst haben, wie Donald Trump solche Auftritte für sich nutzt. Wer sich unter diesen Umständen auf seine Bühne stellt, darf sich nicht darüber wundern, wenn er am Ende zum Wahlkampfhelfer wird.

Und was ist mit den deutschen Standorten?

Mich beschäftigt allerdings noch eine zweite Frage, die ich für mindestens ebenso wichtig halte: Was bedeutet diese Entscheidung für die deutschen Standorte?

Audi ist kein amerikanisches Start-up, das irgendwo auf der Welt nach einem geeigneten Produktionsstandort sucht. Audi ist ein traditionsreiches deutsches Unternehmen, dessen wirtschaftlicher Erfolg auf der Arbeit vieler Generationen von Beschäftigten beruht. In Ingolstadt und Neckarsulm haben Menschen über Jahrzehnte dazu beigetragen, dass aus vier Ringen eine weltweit bekannte Marke geworden ist. Heute wird dort über Auslastung, Wettbewerbsfähigkeit und die Zukunft von Arbeitsplätzen diskutiert. Und gleichzeitig sollen Milliarden in den Aufbau eines neuen Werkes in den USA fließen.

Ich weiß, dass ein international tätiger Automobilhersteller dort produzieren muss, wo es wirtschaftlich sinnvoll ist. Ich verlange auch nicht, dass ein Unternehmen auf Investitionen verzichtet, nur weil sie außerhalb Deutschlands stattfinden. Aber ich erwarte, dass eine solche Entscheidung sorgfältig abgewogen wird und dass die Verantwortlichen erklären können, welche Folgen sie für die bestehenden Standorte hat. Welche Alternativen wurden geprüft? Welche Auswirkungen hat das neue Werk auf die Produktion in Deutschland? Und welche Perspektive haben die Menschen, die heute bei Audi arbeiten und sich fragen, wie sicher ihre Arbeitsplätze in einigen Jahren noch sind?

Das sind für mich keine lästigen Fragen von Gewerkschaftern. Es sind Fragen, die sich eine verantwortungsbewusste Unternehmensführung selbst stellen müsste. Und genau dafür gibt es schließlich auch einen Aufsichtsrat.

Unternehmerische Freiheit verpflichtet

Wer mich kennt, weiß, dass ich unternehmerische Freiheit für einen unverzichtbaren Bestandteil unserer Wirtschaftsordnung halte. Unternehmen müssen Entscheidungen treffen können, ohne sich für jeden Schritt eine politische Genehmigung einzuholen. Aber diese Freiheit steht nicht im luftleeren Raum.

Die Soziale Marktwirtschaft lebt davon, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung zusammengehören. Ein Unternehmen trägt Verantwortung für seine Beschäftigten, für die Regionen, in denen es verwurzelt ist, und auch für die Folgen seines Handelns. Das bedeutet nicht, dass jeder Arbeitsplatz für alle Zeiten garantiert werden kann. Es bedeutet aber sehr wohl, dass man die Menschen, die den Erfolg eines Unternehmens ermöglicht haben, bei strategischen Entscheidungen nicht einfach aus dem Blick verlieren darf.

Und es bedeutet für mich auch, dass man sich überlegen sollte, mit wem man sich öffentlich gemein macht. Donald Trump betreibt eine Wirtschaftspolitik, die deutsche und europäische Unternehmen mit Zöllen unter Druck setzt. Man kann versuchen, sich darauf einzustellen. Man kann mit seiner Regierung verhandeln. Man kann auch zu dem Ergebnis kommen, dass zusätzliche Produktionskapazitäten in den USA wirtschaftlich notwendig sind. Aber muss man sich deshalb von Trump auch noch als Beweis für den Erfolg seiner Politik vorführen lassen?

Ich finde nicht.

Die Kunden haben ebenfalls eine Stimme

Es gibt übrigens noch jemanden, der bei dieser ganzen Diskussion eine Rolle spielt: den Kunden.

Audi lebt davon, dass Menschen bereit sind, viel Geld für seine Autos auszugeben. Diese Menschen kaufen nicht nur ein technisches Produkt. Sie entscheiden sich auch für eine Marke, deren Geschichte, Qualität und Ansehen ihnen etwas bedeuten. Unternehmen reden heute gerne über ihre Werte. Sie erklären, welche Verantwortung sie übernehmen und wofür ihre Marke steht. Dann müssen sie es allerdings auch aushalten, wenn Kunden genauer hinschauen, ob Anspruch und Wirklichkeit zusammenpassen.

Als Kunde kann ich schließlich sehr gut selbst entscheiden, ob ich bei einem Unternehmen, dessen Verhalten ich nicht akzeptiere, noch ein Auto kaufen möchte.

Das ist keine Frage von Verboten oder politischen Sanktionen. Es ist eine ganz normale Entscheidung in einer freien Marktwirtschaft. Audi darf seine Investitionsentscheidungen treffen. Und ich darf daraus meine Konsequenzen ziehen.

Vielleicht wird das neue Werk in Georgia am Ende ein wirtschaftlicher Erfolg. Vielleicht lässt sich sogar nachweisen, dass die Investition langfristig auch den deutschen Standorten hilft. Das würde mich freuen. Nur ändert das nichts daran, dass ich den Auftritt des Audi-Chefs an der Seite von Donald Trump wenige Tage vor den Midterms für einen schweren Fehler halte.

Von der Führung eines deutschen Weltunternehmens darf man mehr politisches Gespür erwarten. Und von einem Aufsichtsrat darf man erwarten, dass er seine Verantwortung wahrnimmt, bevor der Vorstand in aller Öffentlichkeit Tatsachen schafft.

Unternehmerische Verantwortung zeigt sich eben nicht in den Hochglanzbroschüren eines Konzerns. Sie zeigt sich bei Entscheidungen wie dieser.

Heinrich Wullhorst | W2 Politikberatung

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