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Digitale Souveränität: Was wir schon 2018 hätten ernst nehmen sollen

Vor acht Jahren habe ich mit dem damaligen BKU-Bundesvorsitzenden Ulrich digitale Selbstbestimmung gesprochen. Das Thema ist heute aktueller denn je.

Wenn heute über digitale Souveränität diskutiert wird, geht es meistens um die Abhängigkeit von amerikanischen Technologiekonzernen, um europäische Cloud-Lösungen und die Sicherheit unserer Daten. Die Fragen sind berechtigt. Allerdings sind sie alles andere als neu.

Als ich 2018 mein Buch „Soziallehre 4.0 – Wie wir in Zeiten der Digitalisierung menschlich bleiben können“ geschrieben habe, war die Digitalisierung bereits eines der großen gesellschaftlichen Themen. Mich interessierte damals vor allem, ob die Christliche Soziallehre Antworten auf die Herausforderungen einer zunehmend digitalisierten Welt geben kann.

Einer meiner Gesprächspartner war Prof. Dr. Dr. Ulrich Hemel, Unternehmer, Theologe und damals Bundesvorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU).

Beim erneuten Lesen unseres Gesprächs ist mir aufgefallen, wie aktuell manche seiner damaligen Überlegungen geblieben sind.

Hemel sprach schon 2018 darüber, dass wir klären müssen, wer auf unsere Daten zugreifen darf und welche Schutzrechte die Bürger haben. Er konnte sich europäische Serverinfrastrukturen vorstellen, die uns unabhängiger vom amerikanischen Rechtsrahmen machen. Und er forderte, dass die Regeln für die digitale Welt nicht einfach vom Staat vorgegeben, sondern im gesellschaftlichen Dialog entwickelt werden.

Acht Jahre später diskutieren wir noch immer über genau diese Fragen. Inzwischen ist die Abhängigkeit von einigen wenigen Technologiekonzernen für Unternehmen, öffentliche Verwaltungen und ganze Staaten zu einem strategischen Problem geworden.

Das sollte uns zu denken geben.

Digitale Souveränität ist eben weit mehr als die Frage, auf welchem Server unsere Daten liegen.

Ein mittelständisches Unternehmen, das seine Geschäftsabläufe, Kundendaten und Kommunikation weitgehend einem einzigen Anbieter anvertraut, mag damit zunächst eine wirtschaftlich vernünftige Entscheidung treffen. Aber was passiert, wenn dieser Anbieter seine Bedingungen verändert? Wenn Kosten erheblich steigen oder wichtige Anwendungen plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen?

Dann stellt sich die Frage, wie viel unternehmerische Freiheit tatsächlich geblieben ist.

Genau an dieser Stelle wird die Christliche Soziallehre interessant. Hemel hat in unserem Gespräch deutlich gemacht, dass ihre klassischen Prinzipien auch für die digitale Welt gelten.

Die Personalität stellt den Menschen mit seiner Würde und seiner Freiheit in den Mittelpunkt. Das gilt auch dann, wenn Algorithmen Entscheidungen vorbereiten oder digitale Plattformen unseren Alltag bestimmen.

Die Subsidiarität verlangt, dass Menschen und kleinere Gemeinschaften ihre Angelegenheiten möglichst eigenverantwortlich regeln können. Dazu gehört heute auch die Frage, ob Unternehmen und öffentliche Einrichtungen noch selbst über ihre digitale Infrastruktur entscheiden können.

Und die Solidarität erinnert daran, dass der technische Fortschritt möglichst vielen Menschen zugutekommen muss. Wer keinen Zugang zu digitalen Angeboten hat oder mit ihrer Nutzung überfordert ist, darf nicht einfach zurückgelassen werden.

Das klingt zunächst nach grundsätzlichen Überlegungen. Für Unternehmer sind es aber sehr praktische Fragen.

Wer langfristige Investitionsentscheidungen trifft, muss auch die Risiken digitaler Abhängigkeiten bewerten. Wer Mitarbeiter durch neue Technologien entlasten möchte, muss sie befähigen, damit umzugehen. Und wer Kundendaten verarbeitet, trägt Verantwortung für deren Schutz.

Hemel hat damals noch einen Gedanken formuliert, den ich besonders wichtig finde. Für ihn durfte die Orientierung an Werten in einer Unternehmensstrategie nicht bloß eine angenehme Zugabe sein, auf die man in wirtschaftlich schwierigen Zeiten verzichten kann. Er sprach von Sinnschöpfung, die über die Wertschöpfung hinausgeht.

Darin liegt für mich auch heute eine wichtige Aufgabe des BKU. Der Verband hat sich früh mit den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung beschäftigt. Er kann diese Debatte mit einem Maßstab bereichern, der über technische Machbarkeit und wirtschaftliche Rentabilität hinausgeht.

Für uns bei W2 gehört dazu auch die Frage nach tragfähigen Netzwerken. Gerade mittelständische Unternehmen müssen digitale Abhängigkeiten nicht einfach hinnehmen. Sie können sich zusammenschließen, Erfahrungen austauschen, gemeinsam Anforderungen an Dienstleister formulieren und Alternativen erschließen.

Natürlich wird niemand ernsthaft verlangen, dass jedes Unternehmen seine eigene Software entwickelt oder auf die Leistungen internationaler Technologiekonzerne verzichtet. Aber es macht einen erheblichen Unterschied, ob man sich bewusst für einen Anbieter entscheidet oder ob man irgendwann feststellt, dass man keine wirkliche Alternative mehr hat.

Vielleicht sollten wir deshalb bei der aktuellen Debatte über digitale Souveränität nicht nur nach europäischen Rechenzentren und neuen technischen Lösungen fragen.

Wir sollten auch darüber sprechen, wie viel Selbstbestimmung wir Menschen, Unternehmen und gesellschaftlichen Organisationen in der digitalen Welt erhalten wollen.

Als ich 2018 mein Buch geschrieben habe, lautete die zentrale Frage, wie wir in Zeiten der Digitalisierung menschlich bleiben können. Sie ist bis heute nicht erledigt.

Digitale Souveränität ist ein wichtiger Teil der Antwort. Denn Freiheit setzt voraus, dass wir noch selbst entscheiden können.

Heinrich Wullhorst
Senior Advisor

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