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Mehr Ausbildungsplätze durch eine neue Abgabe? Ich habe da meine Zweifel.

Der DGB in Nordrhein-Westfalen will Unternehmen über einen Ausbildungsfonds stärker an den Kosten der Berufsausbildung beteiligen. Der Gedanke ist nachvollziehbar: Wer ausbildet, investiert in die Fachkräfte von morgen. Doch während viele junge Menschen keinen Berufsabschluss haben, bleiben gleichzeitig Tausende Ausbildungsplätze unbesetzt. Kann eine neue Abgabe daran wirklich etwas ändern?

Wenn Unternehmen über den Fachkräftemangel klagen, kommt früher oder später die Frage auf, warum eigentlich nicht mehr Betriebe selbst ausbilden. Die Frage ist berechtigt. Schließlich können wir nicht auf der einen Seite darüber lamentieren, dass qualifizierte Mitarbeiter fehlen, und auf der anderen Seite erwarten, dass sich schon irgendjemand um die Ausbildung des Nachwuchses kümmern wird.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund in Nordrhein-Westfalen hat jetzt einen Vorschlag gemacht, wie man die Unternehmen stärker in die Pflicht nehmen könnte. Ein gemeinsamer Ausbildungsfonds soll künftig dafür sorgen, dass sich grundsätzlich alle Betriebe an den Kosten der beruflichen Ausbildung beteiligen. Vorgesehen ist eine Umlage von 0,5 Prozent der Bruttolohnsumme. Unternehmen, die ausbilden, sollen dafür jährlich 5.000 Euro pro Auszubildendem aus dem Fonds erhalten.

Ich kann den Gedanken dahinter durchaus nachvollziehen. Wer junge Menschen ausbildet, investiert Zeit und Geld. Er braucht Mitarbeiter, die sich um die Auszubildenden kümmern, und muss häufig erhebliche organisatorische Anstrengungen unternehmen. Andere Unternehmen verzichten darauf, stellen später aber gerne Fachkräfte ein, die anderswo ausgebildet wurden.

Dass sich die Gewerkschaften mehr Gerechtigkeit bei der Verteilung dieser Lasten wünschen, ist verständlich.

Trotzdem frage ich mich, ob wir mit einer neuen Abgabe tatsächlich das Problem lösen, um das es eigentlich geht.

Denn die Situation auf dem Ausbildungsmarkt ist einigermaßen widersprüchlich. Nach Angaben des DGB hat in Nordrhein-Westfalen mehr als jeder fünfte junge Erwachsene zwischen 20 und 34 Jahren keinen Berufsabschluss. Gleichzeitig bildet nur etwa jeder fünfte Betrieb aus. Auf der anderen Seite beklagen Arbeitgeber, dass zahlreiche Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben. Allein im vergangenen Jahr waren es in Nordrhein-Westfalen rund 10.000.

Offenbar finden hier Angebot und Nachfrage an vielen Stellen nicht zusammen. Und das hat Gründe, die mit Geld allein wenig zu tun haben.

Wer mit Handwerksmeistern oder mittelständischen Unternehmern spricht, hört immer wieder von Schwierigkeiten bei der Suche nach geeigneten Bewerbern. Manchmal fehlen schulische Grundlagen, manchmal haben junge Menschen völlig falsche Vorstellungen von einem Beruf. Und manchmal wissen sie schlicht nicht, welche Möglichkeiten es in ihrer unmittelbaren Umgebung überhaupt gibt.

Natürlich gibt es auch Unternehmen, die sich das Thema Ausbildung zu einfach machen. Wer sich nicht um Nachwuchs bemüht, darf sich später über fehlende Fachkräfte nicht allzu laut beklagen. Aber ich halte wenig davon, alle Betriebe über einen Kamm zu scheren.

Ein kleiner Handwerksbetrieb mit wenigen Mitarbeitern hat nun einmal andere Möglichkeiten als ein großes Industrieunternehmen mit eigener Ausbildungswerkstatt und Personalabteilung. Und nicht jeder Betrieb, der nicht ausbildet, tut das aus mangelnder Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Deshalb würde ich gerne eine andere Diskussion führen.

Wie können wir Schulen und Unternehmen früher und besser miteinander in Kontakt bringen? Warum gelingt es uns nicht häufiger, jungen Menschen praktische Erfahrungen zu ermöglichen, bevor sie sich für einen Beruf entscheiden müssen? Und wie können wir gerade kleinere Unternehmen dabei unterstützen, Ausbildungsplätze anzubieten, ohne ihnen immer neue organisatorische Aufgaben aufzubürden?

Ich glaube, dass hier auch die Wirtschaftsverbände, Kammern und regionalen Netzwerke noch einiges bewegen können. Nicht jedes Unternehmen muss die Suche nach Auszubildenden allein organisieren. Gemeinsame Angebote zur Berufsorientierung, Kooperationen mit Schulen oder Unterstützung bei der Ausbildung könnten gerade für kleinere Betriebe eine wirkliche Hilfe sein.

Das ist sicherlich mühsamer, als einen neuen Fonds einzurichten. Man muss Menschen zusammenbringen, unterschiedliche Interessen berücksichtigen und vor Ort nach Lösungen suchen. Aber möglicherweise bringt uns genau das weiter.

Mir geht es dabei ausdrücklich nicht darum, Unternehmen aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Im Gegenteil. Wer von einer gut ausgebildeten jungen Generation profitieren will, muss auch bereit sein, seinen Beitrag dazu zu leisten. Nur sollte dieser Beitrag nicht zwangsläufig darin bestehen, eine weitere Abgabe zu bezahlen.

Die Christliche Soziallehre kennt dafür einen Gedanken, den ich in diesem Zusammenhang ausgesprochen hilfreich finde: die Subsidiarität. Was Menschen, Unternehmen und gesellschaftliche Organisationen selbst leisten können, sollte man ihnen ermöglichen und sie dabei unterstützen. Staatliche Eingriffe können notwendig sein, sollten aber nicht automatisch die erste Antwort auf jedes Problem sein.

Vielleicht sollten wir deshalb zunächst genauer hinschauen, warum manche Betriebe nicht ausbilden und warum so viele junge Menschen keinen Berufsabschluss erreichen. Daraus ließen sich vermutlich sehr unterschiedliche, aber auch wesentlich zielgenauere Maßnahmen entwickeln.

Der DGB hat mit seinem Vorschlag eine wichtige Frage aufgeworfen. Dass Ausbildung eine gemeinsame Verantwortung ist, steht für mich außer Zweifel. Ob eine neue Umlage der richtige Weg ist, diese Verantwortung einzufordern, bezweifle ich allerdings.

Am Ende brauchen wir keine möglichst gut gefüllten Ausbildungsfonds. Wir brauchen mehr junge Menschen, die einen Beruf erlernen, und mehr Unternehmen, die ihnen diese Möglichkeit eröffnen.

Daran würde ich den Erfolg jeder neuen Maßnahme messen.

Heinrich Wullhorst
Senior Advisor

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